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Geschichte der lateinischen Sprache

Das Lateinische gehört zu der Gruppe der sog. indo-europäischen Sprachen, die alle aus der Sprache eines Volkes entstanden, das sich um 3000 v.Chr. über ganz Europa, Teile Zentralasiens und bis nach Nordindien verbreitete. Aus dieser „Ursprache“ entwickelten sich das Lateinische, Griechische, Kelti­sche, die germanischen Sprachen (Englisch, Deutsch, Skandinavisch) aber auch das Altindische.

Indoeuropäer AusbreitungAusgangspunkt und Verbreitung der Kurgan-Kultur und damit der indo-europäischen Ursprache.

Das erste eindeutig lateinische Sprachzeugnis in Form einer In­schrift stammt aus der Zeit um 600 v. Chr. Hier ist das Lateini­sche bereits von anderen verwandten italischen Dia­lekten zu scheiden. Das Lateinische war zunächst die Sprache allein der Bewohner von Latium, der Latiner. Dieser italische Dialekt folgte der Ausbreitung des römischen Machtbereiches: Bis etwa 90 v.Chr. wurde La­teinisch nur in Rom selbst und seinen von römischen Bürgern bewohnten Kolonien gesprochen.

Italische SprachenUm 500 v.Chr. war Latein nur eine von vielen Sprachen in Italien

Als sich die übrigen Italiker das römische Bürgerrecht erkämpft hatten (88 v. Chr.), über­nahmen sie sehr schnell die Sprache der Römer, und die übri­gen italischen Dialekte wurden verdrängt. Um Christi Geburt sprach man in ganz Italien, von einigen Griechisch sprechen­den Gebieten in Süditalien abgesehen, Lateinisch. Mit der rö­mischen Expansion breitete sich das Latein als Verkehrssprache dann auch in den Provinzen aus, jedoch nicht im Osten des Mittelmeerraumes, wo Griechisch die Verkehrssprache blieb.

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In den Provinzen nahm das einfache Umgangslatein (Vulgärlatein) der Soldaten, Händler und Siedler Elemente der dort gesprochenen Sprachen auf.

Dort entwickelte sich dann im Laufe der Zeit, spätestens aber nach der Auflösung des Weströmischen Reiches 476 n.Chr., verschiedene „Dialekte“ des Lateinischen, die von der einfachen Bevölkerung gesprochen wurde (lingua Romana rustica). Unter anderem verschwand das Neutrum, wurde die Funktion der Kasusendungen durch Präpositionen ersetzt (amor de deus statt amor  dei) und die verschiedenen Tempora aus einer Form von habere + Partizip gebildet (habeo dictum statt dixi). Der AcI verschwand und wurde durch den quod-Satz (dass-Satz) ersetzt, die Demonstrativpronomen wurden zu Artikeln (ille servus = ital. il servo). Von den Gebildeten in Kirche und Verwaltung wurde dagegen weiterhin ein Hochlatein benutzt, das sich an den Schriften der goldenen Latinität (100 v.Chr. – 14 n.Chr.) orientierte.

PIC100735 PA101444PO207Die wichtigsten Tochtersprachen des Lateinischen

Aus den verschiedenen lateinischen Dialekten entwickelten sich allmählich die Vorstufen der romanischen Sprachen: das Altfranzösische, Altspanische, Italienische, Rumänische et alii. Um 800 n.Chr. hatte Latein aufgehört „Muttersprache“ zu sein; wer die Sprache der Bevölkerung als Muttersprache erlernt hatte, verstand nicht mehr automatisch auch Latein.

Dennoch blieb Latein in Gebrauch, und zwar als Schriftsprache in allen Bereichen der Kirche, der Verwaltung, der Politik und des von der Kirche betreuten Bildungswesen: Schreiben und lesen lernen, hieß bis ins 16. Jhr.  in ganz Europa lateinisch schreiben und lesen lernen. So wurde Latein im europäischen Mittelalter der Träger der gei­stigen Kultur weit über die Grenzen des ehemaligen römischen Reiches hinaus.

scriptoriumIm Mittelalter wurde das Lateinische in den Klöstern gepflegt. Die Buchmalerei zeigt Mönche, die in einer Schreibstube (scriptorium) arbeiten.

Dieses sogenannte Mittellatein ist allerdings nicht einheitlich, vielmehr weist es in Wortschatz, Formen der Wörter und Satzbau große, von der Herkunft des Sprechers abhängige Unterschiede auf. Die immense Bedeutung des Mittellateinischen erhellt sich anschaulich durch den Umstand, dass die lateinische Literatur des Mittelalters (600 – 1300 n. Chr.) die lateinische Literatur der Antike (300 v. Chr. – 600 n. Chr.) an bekannten Werken um das fünfzigfache (!) übertrifft.

Die Humanisten, die für sich in Anspruch nahmen, das „richtige“ Latein zu beherrschen, lehnten Mittellatein als barbarisch ab und verspotten es.  Entsprechend unterteilten sie die Geschichte der lateinischen Sprache in drei Zeitalter: die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit, wobei das Mittelalter als „finstere“ und kulturlose Zeit abgeurteilt wurde. Daher rührt es auch, dass die Humanisten, genauso wie die christlichen Mönche im Mittelalter die antike Literatur für nicht überliefernswert gehalten und daher nicht weiter abgeschrieben hatten, ihrerseits nun die christlich-mittelalterliche Literatur als wertlos erachteten.

buchdruckerBuchdruckerwerkstatt

Als sich mit der Erfindung des Buchdrucks 1452 zum ersten Mal in der Geschichte des Abendlandes die Möglichkeit bot, Bücher relativ günstig und in hoher Auflage herzustellen, wurden von den Humanisten zwar die antiken Autoren gedruckt, nicht aber die mittellateinischen, die in den Klosterbibliotheken der Vergessenheit anheim fielen. Erst als Wissenschaftler ab 1820 begannen sich intensiver mit dem Mittelalter zu beschäftigen, begann man den Reichtum und die Schönheit mittelalterlicher und mittellateinischer Literatur wiederzuentdecken; ein Vorgang der bis heute nicht abgeschlossen ist, denn noch immer werden bisher unbekannte mittellateinische Werke in Bibliotheken entdeckt.

Das Humanistenlatein verbreitete sich zwischen 1350 und 1750 in ganz Europa. Als Diplomatensprache wurde es zwar um 1600 vom Französischen abgelöst, doch als Literatur- und Wissenschaftssprache war es diesem gleichrangig. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts musste,  wer Schreiben und Lesen lernen wollte, automatisch auch Latein lernen, da Lateinisch die Unterrichtssprache in den Schulen und auf der Universität war. Noch Lessing und Schiller erhielten auf der Schule zwar Unterricht in Latein und Französisch, nicht aber in ihrer Muttersprache; und noch vor 250 Jahren waren Schultheateraufführungen selbstverständlich lateinischsprachig.

Bis nach 1750 entstanden neben zahllosen lateinischen Dramen, Epen und Gedichten auch Romane, und da in diesen Werken durchaus aktuelles Geschehen thematisiert wurde, musste der Wortschatz beständig erweitert werden, etwa um Wörter für Dinge, die es in der Antike noch nicht gab: Schießgewehr (sclopetum), Tomate (lycopersicum) oder Druckfehler (erratum typographicum). Noch produktivere Wortschöpfer waren allerdings die Wissenschaftler. Diese mussten, wenn sie international beachtet werden wollten, bis ca. 1800 auf Lateinisch schreiben oder ihre Werke ins Lateinische übersetzen lassen. Gleiches gilt für die Rechtswissenschaften. Da sich das deutsche Recht ausdrücklich auf das römische Recht bezieht, galt bis ins 20. Jahrhundert Latein als unabdingbare Voraussetzung des Jurastudiums, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie zu Goethes Zeit: Goethe musste nämlich seine  Doktorarbeit in den Rechtswissenschaften nicht nur Lateinisch abfassen, sondern sich mit den Professoren lateinisch über diese Arbeit unterhalten. (Und auch später sprach Goethe mit seinen Freunden Lateinisch, wenn er nicht wollte, dass das Dienstpersonal der Unterhaltung folgte.) Schließlich war Latein noch bis ins 19. Jahrhundert hinein Amtssprache in einigen europäischen Ländern (z.B. Polen, Ungarn, Rumänien).

neues lateinlexikondavon, dass man auch heute noch an der Universität in vielen sprachlichen Fächern durchaus seine Abschlussarbeiten auf Lateinisch abfassen kann (was an der Universität zu Köln sogar ein Mal vorkam), war Latein bis ca. 1970 eine im Rahmen der Schule sehr lebendige Sprache, da bis zu dieser Zeit nicht nur deutsch-lateinisch übersetzt, sondern auch lateinische Aufsätze geschrieben wurden. Bis vor dreißig Jahren lernte man also Latein, indem man lernte sich lateinisch auszudrücken.

Aber auch wenn man davon absieht, ist es schlicht falsch Latein als eine tote Sprache zu bezeichnen, solange es an den Schulen gelehrt und gelernt wird und es die offizielle Landessprache eines europäischen Staates ist: des Vatikans. Alle Publikationen des Vatikans werden neben Italienisch auch auf Lateinisch herausgegeben. Und da es in den Stellungnahmen des Papstes durchaus um aktuelle Probleme unserer Welt geht, muss der lateinische Wortschatz zu diesem Zwecke auch ständig aktualisiert werden.