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Die Eben Homers und Europa in 10 Abschnitten

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In der Antike gab es viele Lieder, in denen von den Geschehnissen vor, während und nach dem Trojanischen Krieg berichtet wurde. Lange Zeit wurden diese Lieder von Sängern vorgetragen, die von Königshof zu Königshof zogen und an langen Winterabenden zum Klang der Kithara ihre Heldenlieder (Sg. Epos, Pl. Epen) vortrugen.

 

 

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Da es damals recht wenig Unterhaltung gab, war die Ankunft eines fahrenden Sängers stets ein erfreuliches Ereignis, und gute Sänger wurden reichlich entlohnt. Die besten unter ihnen traten sogar bei Sängerwettstreiten, die regelmäßig in der griechischen Welt stattfanden, gegeneinander an.

 

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Das Publikum dieser Sänger bestand meist aus Adligen, die beim Hören der Lieder davon träumten, so stark wie Achill oder so tapfer wie Hektor zu sein. Aus diesem Grunde gibt es in diesen Gedichten auch ausführliche Beschreibungen prächtiger Waffen und genaue Schilderungen erbitterter Zweikämpfe.

 

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Die Sänger konnten auf Wunsch des Publikums diese Schlachtenschilderungen (heute würde man sagen die „Actionszenen") erweitern oder kürzen. Auch die Handlung selbst war nicht festgelegt und konnte vom Publikum mitbestimmt werden. So kommt es, dass es über griechische Helden und Götter verschiedene, teilweise widersprüchliche Erzählungen gibt.

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Als sich im östlichen Mittelmeerraum um 800 v.Chr. die griechische Schrift entwickelte und nach und nach die Adligen an Macht verloren, verschwanden auch die fahrenden Sänger und mit ihnen ihre Lieder. Bis auf zwei: Das Lied „Ilias", das aus 16 000 Versen besteht, und das Lied „Odyssee", das 12 000 Verse umfasst.

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Lange Zeit glaubte man, ein Sänger namens „Homēr" habe Odyssee und Ilias verfasst, doch mittlerweile gilt es als sicher, dass dieser Homer wohl nie gelebt hat. Wahrscheinlich erhielt irgendwann zwischen 800 und 700 v.Chr. ein Schreiber an einem Königshof in Griechenland den Auftrag, diese Lieder, die der Sänger ja nicht in einem Buch, sondern nur in seinem Kopf hatte, während des Vortrags mitzuschreiben.

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Natürlich wurden noch viele andere Heldenlieder aufgeschrieben, bevor die Sänger völlig verschwanden. Da es aber keinen Buchdruck gab und jedes Buch mühsam mit der Hand (ab)geschrieben werden musste, machte man sich bald nicht mehr die Mühe, die schlechten Lieder abzuschreiben. Statt dessen verbreiteten sich rasch Abschriften von Ilias und Odyssee. Bereits um 450 v.Chr. wurden Homers Lieder in der Schule gelesen und auswendig gelernt. Jeder Grieche, und später auch Römer, der etwas auf sich hielt, konnte die wichtigsten Abschnitte daraus auswendig.

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Mit dem Untergang des weströmischen Reiches (476 n.Chr.) ging auch die antike Vorstellung von Bildung unter. Wer zwischen 500 und 1400 n.Chr. Schreiben und Lesen lernen wollte, der musste in eine Klosterschule gehen. In den Klosterschulen bei den Mönchen lernte man kein Griechisch mehr, sondern Latein, denn Latein war die Sprache der Kirche geworden. Selbstverständlich durften die Schüler auch keine unanständigen oder heidnischen Bücher lesen.

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So geriet Homer im Mittelalter in Vergessenheit. Erst der Untergang des oströmischen Reiches führte 1000 Jahre später zur Wiederentdeckung Homers. Als nämlich das oströmische Reich, das es ja immer noch gab, von den Türken angegriffen und im Jahre 1453 seine Hauptstadt Byzanz erobert wurde, flohen viele gebildete Ost-Römer, die alle Griechisch sprachen, nach Italien. Im Gepäck hatten sie ihren Homer.

 

 

 

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Zu dieser Zeit gab es in Italien eine Reihe von aufsässigen Schülern und Gelehrten, die sich nicht mehr von der Kirche vorschreiben lassen wollten, was sie zu lesen hätten und was nicht. Die Antike, so glaubten sie, sei viel besser gewesen als ihre eigene Zeit. Deshalb begannen sie nun in Bibliotheken nach alten Büchern zu suchen, begannen zu dichten wie die Römer, gaben sich römische Namen, feierten römische Feste, kleideten sich römisch und behaupteten, die gute alte Zeit der Römer sei wiedergeboren. Natürlich stürzten sich diese Rom-Fans mit großer Wissbegier auf die Ost-Römer und deren Bücher aus dem alten Griechenland. So wurde Homer in Europa wiederentdeckt